
Ilse Goldschmid
Bereits Ende Juli habe ich über Frau Ilse Goldschmid, Geschäftsführerin der Motio GmbH München/ Karlsruhe und Autorin des Beck-Ratgebers Burn-out, erprobte Wege aus der Falle berichtet. Frau Goldschmid ist überzeugt, dass mitunter die einfachsten Vorgehensweisen beim Stressabbau am effektivsten seien. Sie setzt bei akuten Stress-Situationen auf sechs Schnellhilfen, die im Beitrag Sechs Tipps für Mitarbeiter zum Stressabbau aufgelistet werden. Nun hatte ich die Gelegenheit mit ihr ein kurzes, schriftliches Interview zu den Themen Führungsverhalten von Vorgesetzen und Burnout zu führen:
1. Frau Goldschmid, wenn ein Mitarbeiter einen Burnout erleidet, inwieweit kann der direkte Vorgesetzte Schuld an der Erkrankung sein?
Wichtig ist auch die Pflege eines wertschätzenden Führungsstils. Durch Kränkungen des Vorgesetzten entstehen beim Mitarbeiter Blockaden im Kopf, die dann in Aggression, Schmerz, Scham und Intrigen übergehen können. Was folgt ist die Eskalation, wenn der Arbeitnehmer beschließt sich krank zu melden.
Führungskräfte sollten Grenzen setzen und dabei immer wieder nachfragen, wie stark die Arbeits-Belastungen der Mitarbeiter sind. Ideal ist es, wenn Führungskräfte das Thema Stressbelastungen in ihren Jour fixe verankern und dabei mittels eines Stress-Barometers feststellen, wie groß die Stressbelastung aktuell ist. Anschließend folgt die Suche nach Lösungen: Wie lassen sich Belastungen senken und was brauchen die Mitarbeiter um erfolgreich zu arbeiten.
Meistens liegen einem Burnout sowohl private als auch berufliche Ursachen zu Grunde. Ob Vorgesetzte eine Schuld an einem Burnout out haben oder nicht lässt sich nicht einfach beantworten. Es ist allerdings bekannt, dass das Führungsverhalten häufig mit psychischen und psychosomatischen Erkrankungen der Mitarbeiter im direkten Zusammenhang steht. Durch Kommunikation und Führungsstil nehmen Teamleiter direkten Einfluss auf ihre Mitarbeiter, deren Gesundheit und nachweislich damit auch auf den Krankenstand. Wenn Vorgesetzte die Grundbedürfnisse wie Selbstwert und Anerkennung nicht beachten und einen eher kränkenden Führungsstil haben, kann das eine Ursache für Burnout out sein. Ebenso steigen die psychische Belastung und damit häufig auch die Fehltage, wenn Mitarbeiter ihrem Chef verstärkt mit Furcht statt Respekt begegnen.
2. Wie können Führungskräfte die Gefahr von Burnouts bei Ihren Mitarbeitern verhindern?
Führungskräfte müssen heute verstärkt die Mitarbeiter-Bedürfnisse erkennen und den eigenen Führungsstil diesen anpassen. Es gilt immer wieder nachzufragen was der einzelne Mitarbeiter braucht. Manche Angestellte haben ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis und sind für Hilfestellungen im Berufsalltag dankbar. Andere haben ein ausgeprägten Grundbedürfnis nach Freiheit und schätzen es, wenn der Chef ihnen einen gewissen Freiraum einräumt. Außerdem besteht ein Grundbedürfnis nach Bindung, Gemeinschaft und Gerechtigkeit. Darauf sollte der Vorgesetzte individuell eingehen, denn zwischenmenschliche Prozesse sind heute für die Zufriedenheit im Berufsleben wesentlich ausschlaggebender als ergonomische Hardfacts.
3. Durch welche Maßnahmen können Unternehmen ihre Führungskräfte auf die Burnout-Verhinderung bei Mitarbeitern optimal vorbereiten?
In speziellen BGM-Seminaren erkennen Führungskräfte ihre Vorbildfunktion. Betriebliches Gesundheitsmanagement vermittelt ihnen außerdem Wissen über die eigenen Einflussgrößen auf das psychische Belastungsniveau und damit den Gesundheitszustand der Mitarbeiter. Der Zusammenhang zwischen der Qualität sozialer Kompetenzen, dem Gesundheitsstand und Motivation der Angestellten und Möglichkeiten diese positiv zu beeinflussen sind ergänzende Inhalte der genannten Seminare. Zur Problemlösung erfahren die Führungskräfte, wie sie ihre Mitarbeiter aktiv unterstützen können, erarbeiten konkrete Umsetzungsstrategien und entwickeln dadurch einen mitarbeiterorientierten und gesundheitsgerechten Führungsstil.
Allerdings sieht Betriebliches Gesundheitsmanagement die Führungskräfte nicht nur als aktive Gestalter von Arbeitsbedingungen, sondern auch als belastete Gruppe. Erfolgreiches BGM basiert auf einer gesunden Führung und selbstverständlich wird auch dieser Aspekt in der Praxis durch spezielle Maßnahmen unterstützt. Führungskräfte selbst erleben Druck von zwei Seiten, den Vorgesetzten und ihrem Team. Die Doppelbelastung und die häufig wahrgenommene schlechte Work-Life-Balance können zu Beanspruchungs-Symptomen wie Schlafstörungen, Abschaltproblemen, Tinitus bis hin zur Erkrankung Burnout führen. Spezielle BGMGegenmaßnahmen unterstützen die Führungskräfte das eigene Gesundheitsverhalten zu reflektieren und Auslöser von vermeidbaren Krankheiten am Arbeitsplatz erkennen. Darüber hinaus vermitteln die Seminare Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen. Die Führungskräfte erfahren wie sie selbst Belastungen erfolgreich managen, Stressoren abbauen und ihre eigene Gesundheit schützen. Sie lernen außerdem Strategien zu einer gesundheitsgerechten Bewältigung des eigenen Führungsalltags und erfahren Methoden belastungslindernder Strategien. Übungen zur Gesundheitssteigerung, Burnout-Prophylaxe und der Umgang mit Gesundheit und Krankheit bei sich selbst zählen ergänzend zu den Inhalten.
Über Motio:
Die 1987 gegründete Motio Verbund GmbH ist seit über zwei Jahrzehnten kompetenter und verlässlicher Partner zahlreicher Unternehmen für Betriebliches Gesundheitsmanagement. Rund 120 Mitarbeiter arbeiten heute deutschlandweit in 17 Geschäftsstellen. Mit weiteren Schwerpunkten im Bereich der Personal- und Organisationsentwicklung und der Steuerung von Veränderungsprozessen bündelt Motio die Anforderungen aus der Praxis. Die Themen sind dabei unter anderem Fehlzeitenquote, Mitarbeiterzufriedenheit, Betriebsklima, psychische und physische Arbeitsbelastungen oder Arbeitsplatzverhältnisse. Motio bewegt Unternehmen und deren Mitarbeiter, um kontinuierliche Optimierungsprozesse selbstverantwortlich und zielorientiert zu gestalten.


Kommentare
Die Seminare klingen sehr interessant, auch deshalb, weil Burnout ja leider noch nicht an allen Arbeitsplätzen eine anerkennte Erkrankung ist, sondern eher etwas lapidar abgetan wird. Auch deshalb kann man sich über Fachkräfte, die sich der Behandlung von BurnOut verschrieben haben, nur freuen. Burnout ist definitiv eine “richtige” Krankheit!!
Ich denke, Hauptursache von “Burn-Out” ist Überarbeitung bei mangelndem Sinn bzw. Überzeugung von der verrichteten Arbeit. Ralph Nader hat angeblich hintereinander lauter 70/80-Wochenstunden absolviert, als er sein Buch “Unsafe at any speed” schrieb – aber da wusste er, worum es ging und war “sein eigener Vorgesetzter”. Dieser Konflikt läßt sich in Hierarchien oft nicht lösen, dann bleibt nur die Kündigung – und wer davor noch mehr Angst als vor der überfordernden Arbeitssituation, “dem ist nicht [kaum] zu helfen”.
Ich hatte in meinem ehemaligen Umfeld auch einige Burn-Outs miterlebt und der Hauptgrund war die hohe Arbeitsbelastung und Druck. Wobei ich immer wieder merke, dass Menschen sich teilweise selbst sich “viel” Arbeit schaffen, um beschäftigt auszusehen. Das richtige Zeit-Management ist gold wert.